Otto Horns Nachlass erweist sich als segensreich für die Stadt Meißen

VON PETER WECKBRODT , DNN, 12.12.2016

Noch vor wenigen Jahren kannte nur ein kleiner Kreis von Numismatikern den Namen des Meißner Geschäftsmannes, Kunstliebhabers und Sammlers Otto Horn. In Meißen war er sicher den Alteingesessenen als erfolgreicher Geschäftsmann noch in Erinnerung. Bewohnern der sächsischen Landeshauptstadt blieb er hingegen bis vor wenigen Jahren völlig unbekannt. Das änderte sich, als der Freistaat Sachsen mit der Stadt Meißen beziehungsweise der restituierten, in Meißen ansässigen Otto-und-Emma-Horn-Stiftung Gespräche über die Rechte an der Münzsammlung eben dieses Otto Horn führte. Dies regte das öffentliche Interesse an. Staunend erfuhr sie, dass es sich um eine außerordentlich große, in ihrer Art einzigartige Sammlung handele, die Horn zwischen den beiden Weltkriegen zusammengetragen habe.
Der Freistaat und großzügige private Spender brachten 1,1 Millionen Euro auf, um für die staatlichen Kunstsammlungen Dresden bis 2014 in gesamt 10 554 Münzen und Medaillen aus der 46 043 Exemplare umfassenden Privatmünzensammlung zu erwerben. Von Rainer Grund, dem Direktor des Münzkabinetts, und seinen Mitarbeitern war bereits die gesamte Sammlung wissenschaftlich aufgearbeitet und digital erfasst worden. In einer Sonderausstellung im Sponselsaal des Neuen Grünen Gewölbes konnte die Öffentlichkeit zwischen Oktober 2014 und Januar 2015 eine Auswahl der schönsten und wertvollsten die er Münzen und Medaillen bestaunen. In einem zu diesem Anlass verfassten Beitrag für die Ausgabe 4/2014 der Dresdner Kunstblätter wertete Grund die Hornsche Sammlung als letztes Zeugnis der einstmals in Privathand in Sachsen vorhandenen Universalmünzensammlungen. Durch den Ankauf wären, so begründete Grund die Investition, wichtige Stücke in das Münzkabinett gekommen, die bisher dort nicht oder in anderen Varianten vertreten waren. Dazu zählte er die sächsischen Prägungen der Albertiner und Ernestiner, aber auch vorzügliche Talerprägungen aus den Reichskreisen des Heiligen Römischen Reiches.
Im Oktober 2015 gelangten wertvolle mittelalterliche sächsische Skulpturen aus einer weiteren Sammlung Horns im Dresdner Kunstauktionshaus Günther zur Versteigerung und erzielten einen Erlös von über 500 000 Euro. In einer weiteren Auktion des gleichen Hauses wurden erst kürzlich ebenfalls von Horn gesammelte Uhren, darunter ehr seltene Spindeltaschenuhren aufgerufen. Im weltweit agierenden 0snabrücker Auktionshaus Künker kamen Hornsche Münzen in bereits fünf Auktionen mit Millionen-Erträgen zur Versteigerung. Aber wer war eigentlich dieser Sammler Horn?

Am 7. Mai 1945 wählte Otto Horn mit seiner Haushälterin den Freitod

Geschäftsmann, Kunstfreund, Sammler Otto Horns Nachlass erweist sich als segensreich für die Stadt Meißen

Geschäftsmann, Kunstfreund, Sammler Otto Horns Nachlass erweist sich als segensreich für die Stadt Meißen

Otto Horn wurde als einziges Kind von Emma und Ernst Otto Horn am 4. Dezember 1880 in Meißen geboren. Sein Vater (1845-1898) war Bäckermeister und mit  dem Eintrag ins Handelsregister ab 1876 auch als Weinhändler tätig. Die Mutter Emma war eine geborene Lansky. Ihr Vater bewirtschaftete das Vorzeigegut Leutewitz. Dessen Merinoschafe wurden bis nach Australien exportiert. Emma dürfte eine stattliche Mitgift in die Ehe gebracht haben. Im Elternhaus des Otto Horn ging es gebildet und kulturell anspruchsvoll zu. Vater Otto erweiterte wiederholt sein Geschäftsfeld, zunächst durch die Pacht des renommierten Burgkellers, dann durch die Eröffnung einer Niederlassung auf der Elbestraße 9. Bereits 1882 war es ihm vergönnt, durch König Albert zum „Königlichen Hoflieferanten“ ernannt zu werden. Das dürfte der endgültige Durchbruch zum erfolgreichen Geschäftsmann gewesen sein.
Sein Sohn Otto besuchte die Realschule in Meißen, die er Ostern 1896 mit dem Reifezeugnis abschloss. Danach begann er eine kaufmännische Ausbildung in Dresden. Wie seinerzeit üblich, ging er auf Wanderschaft, absolvierte Praktika bei Winzern in Deutschland, Österreich und Italien. Fortan war er als Kaufmann wie auch als Weinbauer kein unbeschriebenes Blatt mehr. Nachdem sein Vater verstorben war, trat Otto Horn in das Geschäft ein und wurde Teilhaber. Seinen, Militärdienst bei den Königlich-Sächsischen Schützen musste er vorzeitig als felddienstuntauglich beenden.
Die gute Geschäftslage ermöglichte den Horns Zukäufe an Immobilien in Meißen. Tom Lauerwald, der Verwalter der Stiftung, kennt interessante Einzelheiten: Am Baderberg 2 errichtete Horn eine Likörfabrik. Vom 1908 verstorbenen Meißner Stadtrat Carl Heinrich Nikolai übernahm er die Kollektion der Königlichen Lotteriedirektion und die Königliche Altersrentenbank. Vier Jahre später erwarb er den am Schlossberg gelegenen „Winkelkrug“, 1917 übergab ihm der Fiskus die Geschäftsstelle der Königlichen Brandversicherung, Abteilung Mobilien. Vom Besitz der Immobilien profitiert noch heute die Stiftung. Damit waren die finanziellen Grundlagen für Horns um 1920 einsetzende Sammlertätigkeit gelegt.
Kontinuierlich baute er seine Sammlungen auf, der Schwerpunkt lag beim Aufbau einer Universalmünzsammlung. Dies entsprach dem traditionellen Bemühen, möglichst jede geprägte Münze und Medaille selbst zu besitzen. Horn verfolgte dieses Ziel ebenso zielstrebig wie erfolgreich, bis zum Beginn des Zweiten Weltkrieges trug er über 65 000 Stücke einschließlich der Siegelsammlung zusammen. Dazu kamen 123 Plastiken des 13. bis 15. Jahrhunderts, allerlei Grafiken und Gemälde, diverse Fotografien und Uhren, über 2000 numismatische Bücher sowie alte Pläne von Sachsen und Meißen. Horn pflegte enge Freundschaften zu Helmut Gröger und Walter Hentschel, zwei profunden sächsischen Kunstkennern. Sie berieten Horn, er hatte sich selbst inzwischen solide Fachkenntnisse auf seinen Sammelgebieten angeeignet. Er soll es zu einer bemerkenswerten Profession gebracht haben.
Otto Horn war zu Beginn des Zweiten Weltkrieges ein in Meißen bestens bekannter Geschäftsmann. Seit 1937 war er Alleininhaber der Firma. Damit waren solide finanzielle Grundlagen für Horns Sammeltätigkeit gegeben.
Ab 1943 erarbeitete Horn ein umfangreiches, aus 63 Punkten bestehendes Testament. Darin übergab er den Großteil seines Vermögens einer nach den Namen seiner Eltern zu benennenden Stiftung. Am 7. Mai 1945 wählte Otto Horn gemeinsam mit seiner langjährigen Haushälterin Minna Wolf in seinem Wohnhaus Plossenweg 4 den Freitod. Über die Beweggründe ist nichts bekannt, ebenso wenig eine Nähe Horns zum NS-Regime. Angst vor der „Zeit danach“ könnte ein Motiv gewesen sein. Bemerkenswert ist, dass Horn noch am Vortag seines Freitodes in seiner Lieblingsschänke, dem „Winkelkrug“, im Kreis von Freunden gesehen wurde.
In Übereinstimmung mit dem Hornsehen Testament wurde 1951 die Otto-und- Emma-Horn-Stiftung gegründet. Wegen angeblicher Steuerschulden geriet diese jedoch in wirtschaftliche Schwierigkeiten. Der Rat des Kreises Meißen nahm, dies zum Anlass, am 3.Februar 1954 die Stiftung aufzulösen und deren Vermögenswerte in Volkseigentum zu überführen. Von besonderem Interesse ist der Verbleib seiner einzigartigen Münzsammlung. Alle einst in der Sammlung vorhandenen Goldstücke gingen zum Kriegsende verloren, von ihnen fehlt jegliche Spur.
Bereits 1948 hatte Richard Gaettens von der Universität Heidelberg den Wert der in sieben Kisten verpackten Münzsammlung Horn auf knapp 190 000 RM geschätzt. Nicht einbezogen in die Schätzung waren beispielsweise die antiken Münzen. Weil die Stadt Meißen sich außerstande sah, die Münzsammlung sicher unterzubringen und auch öffentlich zu zeigen, schloss sie am 11. März 1954 einen Dauerleihvertrag mit dem – Berliner Münzkabinett. Dadurch gelangten 44 430 Objekte nach Berlin. Ende der 1960er-Jahre wurde die Sammlung vor den Behörden der DDR dem Münzkabinett Dresden übergeben. Ein auf die Dauer von zehn Jahren von der Stadt Meißen mit den SKD abgeschlossener Leihvertrag lief 1985 aus. Nachdem am 23. Oktober 1997 das Regierungspräsidium Dresden den Fortbestand der Otto-und-Emma- Horn-Stiftung festgestellt hatte, erhob die Stiftung Anspruch auf die Münzsammlung, ebenso auch die Stadt Meißen. Der Rechtsstreit endete außergerichtlich mit einem Vergleich.
Den ihr verbliebenen Teil der Münzsammlung verkaufte die Stiftung an das Osnabrücker Auktionshaus Künker für bescheidene 500 000 Euro. Das Unterhemen Künker verpflichtete sich, alle Erträge aus den Versteigerungen, die den gezahlten Kaufpreis übersteigen, abzüglich seiner Selbstkosten, der Stiftung zukommen zu lassen.
Der aus wiederholten Auktionen und Verkäufen für die Stiftung bereits eingetretene Geldsegen findet in den Geschäftsberichten seinen Niederschlag: Allein 2014 vergrößerte sich das Stiftungsvermögen durch den Verkauf von Münzen etc. um 1 312 232,36 Euro.

Stiftung setzt sich für Meißen ein

In Übereinstimmung mit den Vorgaben aus dem Hornsehen Testament fördert die Stiftung finanziell die Denkmalpflege und den Denkmalschutz, die Bildung und Erziehung der Jugend, kulturelle Vorhaben sowie die Altenhilfe. Beispielsweise fällt bei der Fahrt in die Meißner Altstadt auf der rechten Elbbrückenrampe die schöne Postmeilensäule auf. Sie wurde mit Mitteln der Stiftung restauriert. Das Stadtmuseum zeigt ihren Besuchern zahlreiche Gemälde und Plastiken aus dem Nachlass Horn, aber auch dessen Schreibtisch. Sie unterstützt das Vorhaben eines Vereins zur Revitalisierung von Sachsens kleinster Burg in Burkhardswalde. In der Stadt Meißen saniert die Stiftung die ihr gehörenden Immobilien, schafft Wohn- und Gewerberäume und bewahrt sie vor dem sonst unabwendbaren Abbruch. So erwarb sie das Haus Schlossberg 7 und baut es als Parkhaus für die in Hornsehen Stiftungshäusern wohnende Mieter aus. Das vom Verfall bedrohte denkmalgeschützte Gut Obermeisa, welches einst die Mönche des Klosters St. Afra versorgte, kaufte die Stiftung auf und saniert es derzeit aufwendig. Dass ihr die Mittel ausgehen könnte, müssen weder die Stiftung noch die von den guten Taten profitierende Stadt Meißen befürchten.

www.hornstiftung-meissen.de

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