von Egon Johannes Greipl
Ansprache bei der Festversammlung des Vereins Denkmalpflege Oberösterreich auf Schloß Schwertberg bei Mauthausen am 21. Juni 2012

Sehr geehrter Präsident, verehrte Damen, sehr geehrte Herren, liebe Freunde!

Zwölf Jahre, meine ich, ist es her, dass ich schon einmal zu Ihnen sprechen durfte: Von den Arkaden der Greinburg. Es ist mir eine Ehre, auch heute bei Ihnen sein zu dürfen, und ich überbringe Ihnen zuerst einmal die herzlichen und nachbarschaftlichen Glückwünsche des Bayerischen Landesamts für Denkmalpflege. Der Wunsch des Herrn Präsidenten Dr. Spiegelfeld war es, dass ich ein paar Worte zur Lage und zu den Perspektiven der Denkmalpflege sage, wie sich diese dem bayerischen Generalkonservator im dreizehnten Jahr seines Amtes darstellen. In diesen dreizehn Jahren habe ich viel gesehen und viel gelernt von den 120.000 Baudenkmälern und 50.000 bekannten archäologischen Denkmälern unseres Landes. Vor allem habe ich immer eindrucksvoller erfahren, dass es ohne Denkmäler keine Identität geben kann, und dass die Denkmäler in dieser Hinsicht unersetzlich sind. Ein Beispiel: Im heutigen Stadtgebiet meiner Vaterstadt Passau stehen über 26.000 Gebäude. 700 davon sind Denkmäler, also 2,8 Prozent, und dennoch ist vollkommen klar, dass es ohne diese 2,8 Prozent Passau nicht als Passau gäbe, dass die Identität und Attraktivität der Stadt ausschließlich daran hängen. Denkmäler sind der sichtbare Garant für das kollektive Gedächtnis, das im Gegensatz zum durchschnittlichen Familiengedächtnis weit über drei Generationen hinausreicht. Dieses kollektive Gedächtnis wiederum ist lebenswichtig für eine Gesellschaft, will sie nicht zu einer Alzheimer-Gesellschaft degenerieren. Dies macht neben allen touristischen und wirtschaftspolitischen Aspekten den zentralen gesellschafts- und kulturpolitischen Wert der Denkmäler aus. Die Diskussion um den Denkmalschutz und die Denkmalpflege ist eine gesellschaftliche Wertediskussion!

Blick von der Veste Oberhaus über die Altstadt von Passau

Blick von der Veste Oberhaus über die Altstadt von Passau

Die Werte, um die es geht, sind in den Jahren seit 1990 zunehmend ins Hintertreffen geraten. Die staatlichen Gestaltungsoptionen sind ständig schwächer geworden, weil zunehmend die Frage der Deregulierung gestellt wurde, ob der Staat oder die Kommune dieses und jenes tatsächlich selbst erledigen müsse und ob nicht die Erledigung bestimmter Aufgaben privatisiert und dem freien Spiel der Kräfte überlassen bleiben könne, mit besserem und billigerem Ergebnis. Ich halte dagegen: Politische Systeme, die durch Abbau von Zuständigkeiten und durch schrankenlose Deregulierung ihre Selbstaushöhlung betreiben und ihr Ansehen untergraben, schaffen ein Vakuum, in das sogleich andere Interessen hineindrängen und dann den Staat oder die Kommunen ihrerseits instrumentalisieren können, zu Gunsten von Gruppeninteressen regulierend tätig zu werden. Wohin das treiben kann, zeigt ein ernst gemeinter Versuch des Deutschen Fußballbunds. Der Deutsche Fußballbund (DFB) hat vor fünf Jahren an Städte, in denen Länderspiele stattfinden sollten, ein Papier übersandt, in dem sich diese Städte verpflichten sollten, zur Erfüllung aller zumutbaren Anweisungen und Wünsche des DFB, zur Bereitstellung von Werbeflächen für den DFB und seine Lizenzpartner an prominenten Stellen in den Innenstädten, zum Verbot von nicht vom DFB genehmigten… Marken-, Werbe- oder Dekorationsmaterialien in der gesamten Stadt und zur Bereitstellung einer Personengruppe, die nicht autorisierte Werbung zu verhindern hat und Vollstreckungsmaßnahmen durchführen soll.1)

Deregulierung: Die Frage ist schon, ob wir, angeblich um global konkurrenzfähig zu bleiben, Regeln aufgeben dürfen, die in Jahrhunderten, sogar Jahrtausenden entwickelt, erkämpft, verfeinert wurden. Sind denn Solidarsysteme keine Errungenschaft? Sind denn Stadtplanung und Landschaftsschutz, Denkmalpflege und Denkmalschutz keine Errungenschaft? Heißt es denn nicht, zur Dritten Welt zu werden, wenn man auf solche Regeln verzichtet, gerade auf Feldern, die mit Identität einer Gesellschaft zu tun haben? Regeln braucht es überall, wo es Zivilisation gibt. Regeln schaffen Zivilisation. Denkmalschutz und Denkmalpflege sind Verfahren zum geregelten Umgang mit dem baulichen Erbe und zur Sicherung des kollektiven Gedächtnisses.

Die Journalistin Slavenka Drakulic hat die Bedeutung der Denkmäler aus der Perspektive des Verlustes beschrieben. Sie verglich die absichtliche Zerstörung der Brücke von Mostar 1996 mit dem gewaltsamen Tod einer Frau und schrieb: Wir erwarten, dass unser eigenes Leben einmal zu Ende geht. Die Zerstörung eines Denkmals ist aber etwas ganz anderes. Die Brücke, ihre Schönheit und Anmut, hätte uns überleben sollen; sie war ein Versuch, Unsterblichkeit zu umfassen. Als Produkt individueller Kreativität und kollektiver Erfahrungen reiche ihre Bedeutung weit über ein individuelles Schicksal hinaus: Eine tote Frau ist eine von uns, aber die Brücke sind wir alle für immer.2) Wenn der Krieg bedeutende Denkmäler gewaltsam zerstört, um Identitäten zu treffen, sind Schock und Erschütterung die Folge. Wenn durch verfehlte Struktur- und Ordnungspolitik, untaugliches Planungs- und Baurecht die Verluste schleichend eintreten, fällt das nicht so auf. Im Freistaat Bayern stehen weit mehr als 3.000 Baudenkmäler, vorwiegend Bauernhäuser und Bürgerhäuser leer und sind dem Verfall preisgegeben; Ortskerne veröden. Sicherlich: Wir, die staatlichen Denkmalpfleger, kämpfen für jedes Denkmal.

Die Brücke von Mostar

Die Brücke von Mostar

Aber: Ein Landesdenkmalamt ist nur ein Teil des Systems Denkmalpflege, zu welchem das Denkmalschutzgesetz, die Eigentümer der Denkmäler, die Kommunen und die Denkmalschutzbehörden gehören. Die Teile dieses Systems wirken in Bayern aber bei weitem nicht so zusammen, wie es sich die Väter des Bayerischen Denkmalschutzgesetzes 1973, vor 40 Jahren, vorgestellt haben. Das System hat Mängel, und das System ist dramatisch unterfinanziert. Und die Politik weigert sich, die – wohlgemerkt – eindeutig identifizierten Schwachstellen des Systems zur Kenntnis zu nehmen und zu beseitigen. Was kommt, zeichnet sich ab. Wir Denkmalpfleger werden uns die Verantwortung für die zunehmenden Denkmalverluste, für diese Schande des Kulturstaats nicht zuschieben lassen! Es komme bitte niemand irgendwann mit der Frage, wie es soweit kommen konnte.
Diese Frage möge man bitte auch dann nicht an uns richten, wenn es um die in mancher Hinsicht bedenklichen Auswirkungen der Energiewende auf unser historisches Erbe geht. In der „Windkulisse Bayern“ sind die für die Errichtung von Großwindkraftanlagen geeigneten und ungeeigneten Standorten kartiert. Der Belang des Schutzes unserer historischen Kulturlandschaft, die maßgeblich vom baulichen und archäologischen Erbe geprägt ist, kommt nicht vor, wurde auch gar nicht erst abgefragt, war nicht gefragt! Eine dreistellige Millionensumme steht für Forschungen zur Verfügung, die sich mit technischen Fragen der Energiewende befassen. Kein einziger Euro war übrig, um den von uns dringend empfohlenen Kataster der historischen Kulturlandschaft schnell auf die Beine zu stellen und die Werte der historischen Kulturlandschaft für eine wirklich gesteuerte, auch im Sinne der in unserer Verfassung verankerten Werte gesteuerte Entwicklung positionieren zu können!

Die hektisch, nicht zuletzt von massiven wirtschaftlichen Interessen vorangetriebene Energiewende ist eine Art Patentrezept. Vorsicht mit Patentrezepten! Vor hundert Jahren gab es das Patentrezept „Regulierung der Gewässer“. Milliarden wurden ausgegeben. Längst stellen die Leute die Frage: Wie konnte das passieren? und geben Milliarden für das Gegenteil aus. In den 1960er Jahren gab es das Patentrezept „Autogerechte Stadt“. Milliarden wurden ausgegeben; keine 20 Jahre später stellten die Leute die Frage: Wie konnte das passieren? und gaben Milliarden für Verkehrsberuhigung und Umgehungsstraßen aus. Um die gleiche Zeit gab es das Patentrezept „Rettung der Landwirtschaft durch Flurbereinigung“. Milliarden wurden dafür ausgegeben. Wenig später fragten die Leute nach den verschwundenen Tieren und den verschwundenen Pflanzen; sie fragten, wie es soweit kommen konnte und gaben Milliarden für Artenschutzprogramme aus.

Regensburg

Regensburg

In der Süddeutschen Zeitung vom 21. Juni 2012 steht ein Artikel, überschrieben mit: „Touristen sind oft von Bayern enttäuscht“. 20 % der Urlauber, die sich auf Sehenswürdigkeiten freuen, sähen ihre Erwartungen nicht erfüllt, hat die Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) ermittelt. Wenn man weiß, dass Bayern pro Jahr fast 30 Millionen Übernachtungsgäste zählen kann – das ist ein gewaltiger Wirtschaftsfaktor – dann sprechen wir von 6 Millionen Enttäuschten. Hier müsste man noch tiefer nachbohren; ich bin sicher, dass die enttäuschten Erwartungen eng mit den dramatischen Verlusten zusammenhängen, die unsere historische Kulturlandschaft, unsere Orts- und Stadtbilder in den letzten vierzig Jahren erlitten haben. Wesentliche Teile des Bildes vom liebenswerten Bayern sind zum Klischee geworden, das, durch Erfahrung entlarvt, zu den nunmehr statistisch gemessenen Enttäuschungen führt! Noch einmal: Beim Erhalt des Erbes geht es eben nicht um die Liebhaberei einiger verschrobener Ewig-Gestriger, Heimatpfleger und verbeamteter Fortschrittsfeinde. Es ist das gemeinsame Erbe, das unserem Land die Identität gibt, das Heimat stiftet, Eindeutigkeit und Erkennbarkeit herstellt. Das historische Erbe ist es, das einem Land, neben der Landschaft, zu allererst sein unverwechselbares Profil und seine Attraktivität für Fremde gibt.

Denkmalschutz und Denkmalpflege können aber nur wirksam sein, wenn ein gesellschaftlicher Konsens über die Werte besteht, die dahinter stehen. Diese Werte wiederum bedürfen der ständigen Vermittlung im gesamten Gang der Erziehung, Bildung und Ausbildung unserer jungen Menschen. Jammern hilft nichts, aber analysieren darf man schon: Die Analyse ergibt, dass die Distanz zwischen Mensch und Denkmal größer geworden ist. Die Erosion der religiösen und kirchlichen Milieus beispielsweise hat dazu geführt, dass das Bibelwissen und das kirchliche Traditionswissen nicht zum breiten allgemeinen Wissen mehr gehört. Was eine Mitra bedeutet, und dass ein Mann mit Mitra, Buch und drei goldenen Kugeln der heilige Nikolaus ist, gehört heute zum Spezialwissen und wird – wenn überhaupt – erst im Studium der Kirchengeschichte oder Kunstgeschichte vermittelt. Wer ein Bauwerk oder ein Kunstwerk aber nicht versteht, ist beraubt, ohne dass er es spürt. Wenn unsere Städte und Dörfer ihr Gesicht und ihre Geschichte verlieren, ist auch dies eine Beraubung, ohne dass die Betroffenen den Verlust zunächst wirklich spüren. Der Phantomschmerz kommt erst später und umso heftiger.

Irgendwie spüren Politik, Stadtplanung und Landesplanung aber doch, dass der Raub der Geschichte und ihrer in der Fläche sichtbaren Zeugnisse nicht ganz richtig ist. Schlechtes Gewissen stellt sich ein, und zur Buße und Kompensation lässt man Traditionsinseln stehen, oder man präpariert Häuser zu Museumsobjekten. Wie die Leute massenhaft in Reservate oder Naturschutzgebiete fahren, um dort doch noch wenigstens in Resten, unter Aufsicht und über den Zaun, wieder jenes zu sehen, was sie sich selbst genommen haben oder nehmen haben lassen. In die Kategorie solcher Alibis gehört für mich inzwischen auch, wenige Denkmäler mit internationalen Etiketten und Prädikaten zu garnieren. Ich halte wenig von globaler Denkmalpflege, wenig auch von der hemmungslosen Welterbebegeisterung, die einen Denkmaldarwinismus hervorbringt: Die Konzentration von Interesse, Fördergeld und auch Abnutzung auf wenige Objekte, während das andere zum Teil der Verachtung und dem Verfall preisgegeben sind. Der Nährboden der Denkmäler, die Chance, Sympathisanten zu gewinnen, läge für mich in der Region, in der „kleinen Welt“, dort, wo die Gefährdungen und Verluste am größten sind – und wo wir am meisten kämpfen und überzeugen müssen.

„Kleine Welt“ in Petting im Landkreis Traunstein:

„Kleine Welt“ in Petting im Landkreis Traunstein

Sie, der Verein Denkmalpflege Oberösterreich, sind ein Vorbild. Ich möchte Ihnen gratulieren und Ihnen danken. Sie zeigen, wie die Gesellschaft mit dem Blick auf die Debatten über die kulturellen Identitäten des Landes die in den sichtbaren und unsichtbaren Zeugnissen der Vergangenheit bewahrten ideellen Werte ständig neu sichtbar machen und begründen kann. Sie zeigen, wie man sich für die Bewahrung und Revitalisierung des Vorhandenen einsetzen kann. Sie leben es vor, wie man sich in eine Tradition hineinstellt und sie weiterführt. Sie verkünden, dass es um Identität geht, und dass es um unser aller Geschichte geht, und nicht um Entsorgung ihrer Zeugnisse. Ihr Beispiel ermutigt alle, die mitkämpfen gegen die prostitutionsartige Verwertung und Ausbeutung der Schönheit unserer Städte und unserer Landschaften. Sie stehen an der Spitze jener, die sich für das gemeinsame Erbe tätig einsetzen. Sie gehören zu jenen, die sich oft erst beschimpfen lassen müssen, um später verschämt gelobt zu werden. Sie gehören zu jenen, die wissen, dass die Sorge für unsere Denkmäler nicht von gestern ist, sondern dass diese Sorge für heute und für morgen höchste Bedeutung entfaltet! Denkmalschutz und Denkmalpflege sind eine Medizin gegen die Geschichtslosigkeit, gegen das Vergessen, gegen das beschleunigte Vergessen. Schon 1932 hat Joseph Roth im Radetzkymarsch dieses Phänomen des beschleunigten Vergessens beschrieben. Er blickt auf die Zeit vor 1914 zurück: „Damals, vor dem großen Kriege, … war es noch nicht gleichgültig, ob ein Mensch lebte oder starb. Wenn einer aus der Schar der Irdischen ausgelöscht wurde, trat nicht sofort ein anderer an seine Stelle, um den Toten vergessen zu machen, sondern eine Lücke blieb, wo er fehlte, und die nahen wie die fernen Zeugen des Untergangs verstummten, sooft sie diese Lücke sahen. Wenn das Feuer ein Haus aus der Häuserzeile der Straße hinweggerafft hatte, blieb die Brandstätte noch lange leer. Denn die Maurer arbeiteten langsam und bedächtig, und die nächsten Nachbarn wie die zufällig vorbeikommenden erinnerten sich, wenn sie den leeren Platz erblickten, an die Gestalt und an die Mauern des verschwundenen Hauses… Alles brauchte Zeit zum Wachsen; und alles, was unterging, brauchte lange Zeit, um vergessen zu werden. Aber alles, was einmal vorhanden gewesen war, hatte seine Spuren hinterlassen, und man lebte dazumal von den Erinnerungen, wie man heutzutage lebt von der Fähigkeit, schnell und nachdrücklich zu vergessen.“3) Mit Joseph Roth bin ich wieder in Österreich, sozusagen bei Ihnen. Ich danke Ihnen für Ihre freundliche und große Aufmerksamkeit.

1) Süddeutsche Zeitung vom 22.03.2007, S. 41
2) Zitiert nach Mélanie van der Hoorn, Zeugnisse des Urbizids in Sarajevo, in: Bettina Fraisl, Monika Stromberger, (Hrsg.), Stadt und Trauma, Würzburg 2004, S. 167-187, Zitat S. 168
3) Joseph Roth, Radetzkymarsch, in: Joseph Roth, Werke, hg. von Fritz Hackert, Köln- Amsterdam 1990, Bd. 5, S. 243